Direkt zum Menü, Tastenkombination ALT + 1 | Direkt zum Inhalt, Tastenkombination ALT + 2

Pressemitteilung

Wirksamkeit von Zwangsuntersuchungen im Kampf gegen Kindstötungen kritisch hinterfragen

19.12.2007

In der Diskussion um die Vernachlässigung und Tötung von Kindern können Hausärzte einen wichtigen Beitrag leisten. In unzähligen Fällen bekommen Allgemeinmediziner, die sich vor allem in ländlichen Regionen als Familienmediziner verstehen, als Erste einen Einblick in die Situation von Familien. Gerade in sozial und psychologisch belasteten Familien bietet der Kontakt zum Hausarzt oft die einzige Anbindung an das medizinische Versorgungssystem.

Die von Bundeskanzlerin Merkel geforderte "Kultur des Hinsehens" ist bei den Allgemeinmedizinern besonders ausgeprägt. "Da wir als Hausärzte und Familienmediziner oft einen guten Einblick in die Familienverhältnisse erlangen, können wir in drohenden Krisensituationen helfend tätig werden", erläutert Dr. Stefan Wilm, Inhaber des Lehrstuhls für Allgemeinmedizin und Familienmedizin und Institutsleiter an der Universität Witten/Herdecke. "Wenn die Eltern behandelt werden, sieht man oft auch die Kinder. Und gerade bei Hausbesuchen können Probleme erkannt und angesprochen werden. Hausärzte verhindern so, dass Fälle schwerer Vernachlässigung nicht noch häufiger auftreten", sagt Wilm. Er fordert deshalb, Hausärzte mit in die lokalen Initiativen für Familiengesundheit einzubeziehen.

Zwangsuntersuchungen: Mehr Schaden, als Nutzen?

Die derzeitige Diskussion ist überfällig, doch Aktionismus hilft nicht. "Für den postulierten Nutzen einer von den Ländern geregelten Zwangsuntersuchung für Kinder gibt es aktuell keine wissenschaftlichen Belege", gibt Wilm zu bedenken. Er sieht den Vorstoß weit kritischer als die meisten Politiker. "Das Vertrauensverhältnis zwischen Familien und Ärzten würde durch den Zwang einer Untersuchung deutlich beschädigt. Dieses könnte sogar zu einer Verschlechterung der Gesamtsituation führen," erklärt Wilm. Der Lehrstuhlinhaber ist überzeugt, dass sich Tragödien wie in Darry oder Plauen nie völlig ausschließen lassen - auch nicht durch Zwangsuntersuchungen. "In einigen Fällen werden Kinder erst gar nicht gemeldet. Außerdem hat sich gezeigt, dass selbst geschulte Personen die Situation manchmal falsch einschätzen." Die Konsequenz die Wilm aus diesen Erkenntnissen zieht, heißt aber nicht Resignation. Er glaubt an die Wirksamkeit intensiver Hilfestellungen, gerade auch von Seiten der Allgemein- und Familienmediziner. Das Institut für Pflegewissenschaft der Universität Witten/Herdecke wurde gemeinsam mit seinem Institut vom Ministerium für Arbeit, Gesundheit und Soziales (NRW) beauftragt, die Wirksamkeit des Einsatzes so genannter "Familiengesundheitspflege" wissenschaftlich zu überprüfen. Das Modellprojekt, welches Pflegekräfte in die Abläufe von Hausarztpraxen integriert, setzt vordringlich bei der Betreuung chronisch kranker Menschen an. "Warum sollte so ein Modell nicht auch im Bereich der Vorsorge von gefährlicher Vernachlässigung wirksam sein?", fragt Wilm.

zum Seitenanfang

http://

Archiv

Alle Pressemitteilungen