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Pressemitteilung

Frühe Hilfen für Kinder

27.07.2007

Es fehlt ein Gesamtkonzept - Die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) kritisiert Aktionismus und fehlende Transparenz für Eltern.

"Es geht ein Ruck durchs Land!" So kommentiert die Deutsche Gesellschaft für Sozialpädiatrie und Jugendmedizin (DGSPJ) Bestrebungen der Politik, mit einer Vielzahl früh greifender Hilfsangebote gefährdete, benachteiligte oder entwicklungsverzögerte Kinder aufzuspüren. Allerdings entsprechen diese frühen Hilfen bisher eher einem Flickenteppich und sind zudem kaum durchschaubar. DGSPJ-Präsident Harald Bode fordert deshalb jetzt ein griffiges Gesamtkonzept aller frühen Hilfen in Deutschland.

Allein in Nordrhein-Westfalen gibt es derzeit 40 lokale Frühwarnsysteme, eine ebenso unüberschaubare Anzahl von Frühförderansätzen existiert in den meisten anderen Bundesländern wie in Bayern oder Baden-Württemberg. Auch Sachsen bietet eine Vielzahl ermutigender Ansätze, erklärte Dr. Christoph Kretzschmar bei der 11. Forschungstagung der DGSPJ in Dresden. So sind in der Sachsenmetropole 3.150 vierjährige Kinder (von insgesamt 3.700) in den Kindertagesstätten der Stadt betreuten Kindern untersucht worden. Die Ergebnisse sind alarmierend: Bei fast 20 Prozent aller Kinder ist ein Förderbedarf ermittelt worden, der zuvor nicht erkannt worden ist. Bei 29 Prozent aller Kinder sind Sprachauffälligkeiten aufgedeckt worden, bei sozial schwachen Familien wie im Plattenbaugebiet Gorbitz gar bei 43 Prozent. Acht Prozent der Kita-Kinder hatten feinmotorische Störungen, Kinder aus Gorbitz sogar zu 15 Prozent. Mit einem ausgeklügelten Netzwerk früher heilpädagogischer und sprachlich-motorisch ausgerichteter Hilfen konnten jedoch in Gorbitz innerhalb von zwei Jahren die Rate der Sprachauffälligkeiten von 43 auf 33 Prozent und die der feinmotorischen Bewegungsstörungen von 15 auf zehn Prozent gesenkt werden. Im baden-württembergischen Freiberg ist schon nach fünf Monaten mit einer intensiven dreistündigen Sprachförderung pro Woche das Satzgedächnis und das Verstehen von Sätzen bei sprachgestörten Kindern deutlich - bis hin zum Normalbereich - verbessert worden. Für Bode und Kretzschmar ein klarer Beweis dafür, dass sich frühe Interventionen bereits in der Vorschulzeit auszahlen.

Frühe Hilfen bietet das Bundesland Sachsen aber auch bereits für Null- bis Zweijährige in mittlerweile fünf Modellregionen an. Unter dem Titel "Netwerke für Kinderschutz" sollen damit Eltern erreicht werden, die besonders hohen psychischen und sozialen Belastungen - etwa durch niedriges Einkommen oder Misshandlungs- oder Missbrauchserfahrung - ausgesetzt sind. Im Fokus steht dabei ein auf die Familie ausgerichtetes 14-tägiges Hausbesuchsprogramm, um die gefährdeten Familien auch tatsächlich zu erreichen. Im nordrhein-westfälischen Dormagen geht man noch einen Schritt weiter: Dort werden ausnahmslos alle Eltern direkt nach der Geburt von geschulten Mitarbeitern des Jugendamtes aufgesucht, um frühzeitig einen möglichen Unterstützungsbedarf zu eruieren.

Dies sind ermutigende Ansätze. Einheitliche Früherkennungs- und Frühfördersysteme sind in Deutschland aber noch lange nicht in Sicht. Bayern und Baden-Württemberg sind bei Kindertagesstätten-Angeboten für Kinder unter drei Jahren sogar noch auf "Entwicklungsländer-Niveau", moniert Bode. Gerade die westlichen Bundesländer dürften deshalb vom neuen "Nationalen Zentrum Frühe Hilfen" ganz besonders profitieren, das das Bundesfamilienministerium bis zum Jahr 2010 mit rund zehn Millionen Euro unterstützen wird. Im Fokus stehen dabei vernetzte Unterstützungsangebote für Kinder bis zum vierten Lebensjahr, deren Lebensalltag durch Gewalt, Drogenmissbrauch oder Arbeitslosigkeit der Eltern oder generell durch das Fehlen eines unterstützenden Umfeldes geprägt ist. die Kinder- und Jugendärztin Dr. Renate Klein aus dem Ministerium für Justiz, Gesundheit und Soziales des Saarlandes. Notwendig sei zum Beispiel vor Ort die - häufig nicht vorhandene - Kenntnis regionaler und lokaler Ansprechpartner, die in enger Abstimmung mit dem Kinder- und Jugendarzt und der Jugendhilfe konkret und fallbezogen weiterhelfen können, meint die Kinder- und Jugendärztin Dr. Renate Klein aus dem Ministerium für Justiz, Gesundheit und Soziales des Saarlandes. Dafür wurden nun im Saarland sogar halbe Kinderarztstelle im Kinder- und Jugendärztlichen Dienst geschaffen. Dringend notwendig ist auch die flächendeckende Etablierung von speziellen und vernetzten Programmen für Risikogruppen etwa mit dem Fokus auf Vernachlässigung und Misshandlung. Aber auch in den Familien selbst müsse wieder eine Kultur für das alltägliche Sprechen geschaffen werden, meinen die Kinder- und Jugendärzte. Denn: "Auch die Sprachlosigkeit von Eltern führt zu frühen Sprach- und Entwicklungsdefiziten!"

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