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Als Kinderkrankenschwester im Ausland arbeiten
Ein Bericht über Ghana

Nach ihrer Ausbildung zur Kinderkrankenschwester hat sich Andrea Welker einen lang gehegten Traum erfüllt. Sie ging nach Ghana, um dort ein halbes Jahr als Volontärin in der Shehkinah Klinik zu arbeiten.

Pflege mal anders - Arbeiten in Ghana

Nach meiner Ausbildung zur Kinderkrankenschwester in der Diakonissenanstalt Speyer erfüllte sich ein lang gehegter Traum. Ich ging für ein halbes Jahr nach Ghana, um dort in einer Dorfklinik ein Volontariat zu leisten.

Vermittelt wurde ich an diese Klinik über das Evangelische Missionswerk Südwestdeutschland. Das EMS verfügt über ein Programm, das es jungen Leuten möglich macht auf der ganzen Welt in verschiedenen Hilfsprojekten mitzuarbeiten. Eins dieser Projekte ist eben die Shehkinah Klinik in Ghana.

Bevor ich aber endlich die Reise antreten konnte, mußte noch einige Vorarbeit geleistet werden. In mehreren Seminaren wurden alle Freiwilligen auf ihr Land, die Einrichtung, Arbeit, Anforderungen und vor allem auch auf kulturelle Unterschiede vorbereitet. Einerseits wurden wir sehr gut informiert und schon im Vorfeld auf mögliche Probleme wie traditionelle Rollenverteilungen, absolute Tabus im täglichen Leben oder einfach sprachliche Mißverständnisse aufmerksam gemacht, andererseits mußten wir uns auch selber für Referate über Geschichte, Politik und Religion des Landes informieren.

Ghana liegt an der Westküste Afrikas, ist ungefähr so groß wie Großbritannien und erstreckt sich von der Küste aus ca. 700 Kilometer noch Norden. Es besteht aus drei verschiedenen Vegetationsformen (Küste, Regenwald und Savanne) und vor allem die südliche Küste ist schon touristisch erschlossen und weitgehend industrialisiert. (In der Hauptstadt ACCRA gibt es sogar einen Ikea. Das hat mich wirklich umgehauen ...). Der Norden hingegen ist weitgehend vergessen und die Menschen leben noch sehr traditionell in ihren Rundhütten und Dörfern. Die einzige Stadt dort ist Tamale, in deren Nähe auch mein Dorf - Gurugu - mit der Shehkinah Klinik liegt. Ghana ist seit 1957 eine unabhängige Republik und 1992 wurden die ersten demokratischen Wahlen abgehalten. Offizielle Landessprache ist English, das aber nur die Menschen sprechen, die auch eine Schule besuchen konnten. In den Dörfern herrscht noch der Analphabetismus. Jede Region und somit jeder Stamm hat seine eigene Sprache, die keine Ähnlichkeit zu den umliegenden Stammessprachen aufweist. Ich ging in das Gebiet der Dagomba und für mich hieß es Dagbanli lernen.

Mit diesen Informationen, viel Enthusiasmus, Idealismus und Anti-Mückenspray ausgestattet startete ich Ende August 2001 nach Ghana. In der dortigen Hauptstadt Accra wurde ich von Mitarbeitern des EMS am Flughafen abgeholt. Darüber war ich sehr dankbar, da das Chaos schon direkt hinter der Paßkontrolle beginnt. Taxifahrer stürzen sich wie eine hungrige Meute auf die Ankömmlinge - mit Vorliebe natürlich vor allem auf die Weißen - und im ersten Moment stand ich - meinen Rucksack umklammernd und wild entschlossen ihn mit meinem Leben zu verteidigen - ziemlich verloren in der schwärzesten Nacht, die man sich vorstellen kann. Zum Glück wurde ich schnell entdeckt und nach einem Tag Eingewöhnungszeit am Meer fuhr ich mit dem Bus 11 Stunden durch Ghana, um nach Tamale zu kommen.

Staunend sah ich wie die Küstenlandschaft langsam in den Regenwald überging und einige Stunden später sich die Savanne vor mir erstreckte. Die ersten Rundhütten entlockten mir Begeisterungsausrufe und ich konnte es nicht erwarten endlich in mein Dorf zu kommen. Erschöpft aber glücklich kam ich abends an meinem Zielort an und verbrachte die nächsten zwei Wochen erstmal im Tamale Institute of Cross- Cultural Studies. Mit einer Gruppe Freiwilliger aus der ganzen Welt wurde ich noch einmal detailliert mit der ghanaischen Kultur vertraut gemacht und begann Dagbanli zu lernen.

Schon etwas akklimatisiert und im Umgang mit den Menschen warm geworden war es dann endlich soweit. Ich stand auf dem Klinikgelände und harrte der Dinge, die da kommen würden.

Die Shehkinah Klinik wurde von einem ghanaischen Arzt - Dr. Abdulai - vor 12 Jahren gegründet und hat es sich zur Aufgabe gemacht, freie medizinische Versorgung für den ärmsten Teil der Bevölkerung zur Verfügung zu stellen. Mit der Unterstützung von verschiedenen Organisationen aus der ganzen Welt arbeitet dort ein ca. 10-köpfiges Team aus größtenteils ungelernten Hilfskräften. Die Klinik befindet sich in dem Dorf Gurugu, ca. 1 Stunde außerhalb Tamales. Dort fand die erste Notoperation unter einem Mangobaum statt, weshalb Dr. Abdulai diesen Ort aussuchte. Ich hatte ein kleines Häuschen auf dem Klinikgelände, so daß ich 24 Stunden vor Ort und mittendrin sein konnte. So war es mir auch möglich am Leben im Dorf teilzunehmen, was natürlich unheimlich spannend war.

Die Klinik selber ist sehr ungewöhnlich aufgebaut. Wir verfügten über eine Ambulanz, eine Apotheke, einen OP und zwei Räume mit Betten für "Intensivpatienten". Dies waren Patienten, die Infusionen benötigten oder nach einer OP für eine Nacht überwacht wurden. Da wir keine technischen Hilfsmittel wie Überwachungs- oder Beatmungsgeräte zur Verfügung hatten, wurden alle Operationen nur unter Lokalanästhesie durchgeführt. Die restlichen Patienten wurden in den Dorfhütten, in denen es weder Betten noch sonstige Einrichtungsgegenstände gab, von Ihren Angehörigen betreut und meine Aufgabe bestand u.a. darin, jeden Tag nach diesen zu schauen und für die medizinisch Versorgung zu sorgen. Das beinhaltete das Überwachen der Vitalzeichen, die Gabe von Medikamenten, i.m. und i.v. Injektionen, das Anleiten der Angehörigen zur richtigen Hygiene und Lagerung, sowie Nacht- und Notfalldienst.

Außer mir gab es nur noch eine weitere ausgebildete Kraft. Ein medizinischer Assistent - eine Art Hilfsarzt - der die Ambulanz betreute und den ich immer zur Hilfe im Hintergrund hatte. Das restliche Team war ungelernt und so gehörte es auch zu meinen Aufgaben, die anderen Arbeiter anzuleiten, zu organisieren und in der Apotheke die Medikamente zu verwalten. Zuerst war ich völlig überwältigt von dem Chaos, das mir entgegenschwappte. Abgesehen von den kulturellen Unterschieden, Mißverständnissen und sprachlichen Schwierigkeiten, mußte ich mich von sämtlichen Grundsätzen verabschieden, die mir in meiner 3-jährigen Ausbildung beigebracht worden waren.

Versuchte ich am Anfang noch die Tage zu planen, ging ich schon bald dazu über einfach jeden Morgen spontan zu entscheiden, was als erstes getan werden muß. Nach ein paar Wochen war mein Dagbanli glücklicherweise schon so gut, daß ich alleine mit Patienten kommunizieren konnte und mit Händen und Füßen kamen wir zurecht. Die Tatsache, dass ich es als Kinderkrankenschwester gewohnt bin mit Menschen zu arbeiten, mit denen ich nicht Sprechen kann und die keine Erfahrung im Umgang mit medizinischen Hilfsmitteln und Medikamenten haben, hat mir dabei sehr geholfen. Ein Blutdruckmeßgerät ist völlig unbekannt, die Einnahme von Medikamenten muß überwacht werden, richtiges hygienisches Verhalten erklärt und ein unendliches Maß an Geduld wird gebraucht, um immer und immer wieder die - für uns - einfachsten Dinge zu erläutern.

Außerdem war natürlich viel Improvisation gefragt. Da wir nur über ein begrenztes Maß an Hilfsmitteln verfügten, wurden Spritzen mehrmals benutzt - beim gleichen Patienten -, aus Stöcken Schienen gebaut, Honig und Zucker zur Wundversorgung verwendet und aus Steinen Unterlagen für Arme und Beine gebastelt. Der Phantasie waren keine Grenzen gesetzt und irgendwie haben wir es immer geschafft die Probleme zu lösen. Aber natürlich gab es nicht nur schöne Seiten. Sehr schwer viel es mir, die Rolle der dort als minderwertig angesehenen Frau zu akzeptieren und oft bei Problemen wegschauen zu müssen. Auch habe ich natürlich viele Patienten gesehen, denen wir in Deutschland leicht hätten helfen können, die aber dort vor unseren Augen gestorben sind. Ich war selber erstaunt wie schnell ich mich daran gewöhnt hatte, daß jede Woche mindestens ein Patient starb.

Ganz zu Beginn meines Einsatzes hatten wir eine Frau als Patientin, die unter der Geburt eine Infektion erlitten hatte. Auf Grund ihrer schweren Erkrankung konnte sie das Kind nicht Stillen. Das Neugeborene wurde jeden Tag schwächer und ich war heilfroh als ich in unserer Apotheke eine Babyflasche und Nahrung fand. Da die Nahrung aus Deutschland stammte hatte sie keiner der dortigen Hilfskräfte identifizieren können. Mit beidem bewaffnet ging ich zweistündlich zu meiner Patientin, päppelte das Kind auf und leitete die Verwandten im richtigen Umgang mit der Flasche an. Nach ein paar Tagen ging es dem Kind deutlich besser und als ich eines morgens in die Hütte kam war es nicht mehr da. Mir wurde erzählt, daß es zu seinem Heimatdorf gebracht worden war und da die Dorfgemeinschaft wie eine große Familie ist, dachte ich mir, daß sich dort jemand weiterhin um das Kind kümmern würde. Die Mutter war weiterhin bei uns im Behandlung und zwei Tage später erfuhr ich, daß das Kind gestorben war. Eine Mitarbeiterin erklärte mir daraufhin, daß in den Dörfern noch der Glaube herrscht, daß die Mutter überlebt, wenn das Kind stirbt. Deshalb wurde das Kleine weggebracht, damit ich es nicht weiter aufpäppeln konnte. Das war natürlich ein harter Schlag für mich und auch in der weiteren Arbeit fiel mir immer der Umgang mit den "local beliefs" am schwersten.

Dazu gehören solche Dinge wie die Tatsache, daß Schwangere kein Obst essen, da sie glauben dann bei der Geburt zu stark zu bluten, Kindern werden keine Eier und Fleisch gegeben, da sie sonst angeblich zu Dieben werden, man nach Zwillingsgeburten eins der Kinder oft sterben läßt, da man Zwillinge für ein böses Omen hält und psychisch kranke Menschen werden verstoßen, da man annimmt, daß sie von einem bösen Geist besessen sind. Gegen diese tief verwurzelten Einstellungen vorzugehen ist sehr schwer und kann nur von Ghanaern selber bewirkt werden. Wenn eine weiße Person Ratschläge gibt, wird ihr zwar nie widersprochen (das wäre viel zu unhöflich), aber akzeptiert werden die Ratschläge auch nicht, da die Weißen "anders" sind.

So habe ich mich darauf konzentriert vor allem praktisch zu helfen und Tips an meine Mitarbeiter weitergegeben, die wiederum mit den Patienten geredet haben. So konnten wir auch in der Ambulanz eine Art Gesundheitsunterricht ins Leben rufen, was von den Menschen sehr interessiert aufgenommen wurde.

Leider ist der Umgang mit Medikamenten absolut sorglos und das Motto " je mehr je besser" weit verbreitet. Die Menschen horten Medikamente, die wir ausgeben, verteilen ab und zu eine Pille an ihre Angehörigen, nehmen Antibiotika nie bis zum Ende und so werden auch dort immer mehr Resistenzen herangezüchtet. Der Glaube an die Wirkung von Tabletten ist tief und wir haben massenhaft Vitamintabletten als Placebos verteilt, die hervorragende Wirkung zeigten. Mit der Zeit lernte ich gut mit den zuerst frustrierenden Grenzen zu leben. Sehr geholfen hat mir hierbei das positive Feedback, daß ich von meinen Patienten bekam. Obwohl sie selber nichts besaßen, wurden mir Orangen, Bananen, Milch und sogar Ohrringe geschenkt. So wurde ich immer wieder aufs neue motiviert nicht aufzugeben.

Die Krankheitsbilder erstreckten sich von Malaria über alle möglichen Infektionskrankheiten, Diabetes, Schlaganfällen und Magengeschwüren (welche aufgrund falscher Ernährung sehr weit verbreitet sind) bis hin zu Schlangenbissen und Lepra.

Noch nie vorher habe ich solche großen Wunden gesehen. Teilweise konnten mir die Leute nicht mal mehr sagen, wann sie sich verletzt hatten, da dies Jahre zurücklag. Jeder kleinste Kratzer infiziert sich wegen der hygienischen und klimatischen Verhältnisse. Traditionell wurden die Wunden noch mit Dung und Blättern abgedeckt. Da sich herumgesprochen hatte, daß eine "white nurse" in Gurugu war, hatte ich jeden Tag auch eine immer größere Zahl an Verbänden zu machen. Die Leute kamen hunderte(!) von Kilometern zu uns gelaufen(!), da wir ihre einzige Hoffnung auf Hilfe waren.

In Ghana steht nur Kinder bis zum vierten Lebensjahr eine kostenfreie medizinische Versorgung zu. Alle anderen müssen sogar jedes Blatt Papier, das der Arzt benutzt selber bezahlen. Für Menschen, die nicht wissen, wie sie sich ernähren sollen ist das unmöglich und so hatten wir immer genug zu tun.

Ab und zu nahm ich mir die Zeit, um auch andere medizinische Einrichtungen kennenzulernen und so besuchte ich u.a. das "general hospital" in Tamale. Dort arbeitete zu der Zeit ein deutscher Arzt, der mich mit auf Visite nahm und mir viel von seinen Erfahrungen berichtete. Nachdem ich die Zustände in diesem Krankenhaus gesehen hatte, das über weniger Medikamente verfügte als wir, kehrte ich gerne wieder in mein Dorf zurück.

Dort fühlte ich mich immer sehr wohl und herzlich willkommen und neben meiner Arbeit hatte ich viel Gelegenheit den ghanaischen Lebensstil kennenzulernen. Wir aßen immer alle gemeinsam, wobei hier eine strenge Reihenfolge eingehalten wird. Zuerst essen die Männer, dann die Frauen und zuletzt die Kinder. Gegessen wird nur mit der rechten Hand aus einem großen Topf und am Anfang habe ich mir immer die Finger verbrannt. Mit der Zeit bekam ich aber mehr Übung und habe das Essen immer sehr genossen. Es besteht vor allem aus Fufu (eine Art Kloß aus Maniok und Kochbananen) und unterschiedlichen scharfen Soßen. Aber auch Reis und Erdnüsse in allen möglichen Variationen beherrschten unseren Speiseplan. Am liebsten waren mir allerdings die gigantischen Früchte. Papayas so groß wie Wassermelonen, Mangos frisch vom Baum gepflückt, Melonen und natürlich massenhaft Bananen. Glücklicherweise hatte ich nie Probleme mit dem Essen und konnte alles probieren.

Ab und zu nahm ich mir ein paar freie Tage und erkundete das Land und so verging die Zeit wie im Flug. Ausflüge in den Regenwald, eine Safari durch ein Tierreservat (oh, Elefanten...), eine Dampferschifffahrt auf dem Voltasee (in unserer Einbaumfähre mußte schon während der Fahrt das Wasser ausgeschöpft werden), viele abenteuerliche Fahrten mit den Trotros (Kleinbusse, die bis zum Brechen vollgestopft werden), mehrere Besuche bei "health care centern", die vor allem Impfprogramme und Notfallversorgung anbieten und ein paar letzte Tage am Meer holten mich aus ab und zu auftretenden Formtiefs und gaben mir immer wieder neue Kraft.

Zum Abschied flossen viele Tränen und ich denke immer noch oft an viele Menschen, die mir ans Herz gewachsen sind. Ich hoffe, daß sich auch in Zukunft neue Menschen finden werden, die bereit sind in dieser Klinik mitzuarbeiten und stehe gerne jederzeit für Auskünfte, Diavorträge und Addressenvermittlung zur Verfügung.

05.08.2002

feige-Andrea@web.de

Freundlicherweise hat die Autorin auch einige Bilder zu Verfügung gestellt. Die Grafiken liegen komprimiert als zip-Datei vor:
pflege_in_ghana_bilder.zip [248 kb]

Alle Rechte am Text und an den Bildern liegen bei der Autorin.

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