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Tiergestützte Therapie bei Kindern

12.08.2009

Einführung

Tiergestützte Therapie - schon wieder eine neue Therapieform, die sich nun auch auf dem Markt der zahlreichen und fachlich unterschiedlich orientierten Therapien behaupten und etablieren möchte? Was heißt eigentlich tiergestützte Therapie? Geht es bei dieser Arbeit darum, dass Tiere zu Therapeuten werden und Wunder vollbringen wie es häufig medienwirksam dargestellt wird?

Der folgende Text soll einen Einblick in das Thema tiergestützte Therapie geben. Einer kurzen Historie und Begriffsklärung folgen Informationen zu möglichen Wirkungen und auch Rahmenbedingungen, bevor der Artikel mit einigen praktischen Beispielen aus der täglichen Arbeit an der DRK-Kinderklinik Siegen endet.

"Da, wo ein Lebewesen uns in unserer individuellen Art so annimmt wie wir sind, beginnt eine besondere emotionale Beziehung, die Nähe und Geborgenheit zulässt, die uns öffnet, sich dem anderen emotional anzuvertrauen." (Otterstedt 2001: 34f).

1. Historie

"Die Mensch-Tier-Beziehung wurzelt in der Evolution in einer jahrtausend langen Geschichte. Die Mitwirkung von Tieren bei einfachen Formen der Therapie wurde erstmals im Mittelalter in Europa (vor allem in England) erwähnt. Im 20. Jahrhundert fand der Ansatz in den USA sowie in Folge weltweit Akzeptanz" (Böttger/Haberl, S.1).

Seit dem Ende der achtziger Jahre wurden verschiedene Vereinigungen gegründet, in denen sich unter anderem Tierschützer, Tierärzte, Zoologen, Ethnologen, Sozialpädagogen, Therapeuten und Psychologen zusammenschlossen, um die wechselweise nutzbringende Beziehung zwischen Mensch und Tier zur Verbesserung von Gesundheit und Lebensqualität zu untersuchen und zu fördern. Auf internationaler Ebene gehören zu diesen Vereinigungen die "Delta Society" und die "International Association of Human-Animal-Interaction Organizations" sowie in Deutschland die überregionalen Vereine "Tiere helfen Menschen" und "Leben mit Tieren" (Böttger/Haberl, S. 1ff).

2. Definition

Tiergestützte Therapie
Unter tiergestützter Therapie im heutigen Sinn versteht man eine zielgerichtete Intervention, in der das Tier als Begleiter von Therapeuten in einem Behandlungskontext eingesetzt wird.

3. Voraussetzungen

Die tiergestützte Therapie wird von qualifiziertem Personal mit medizinischem und/oder pädagogischem und/oder therapeutischem Hintergrund angeboten. Formen tiergestützter Therapie sind Tierbesuche in Heimen und Kliniken, Tierhaltung in Heimen und Kliniken (z.B. Streichelgehege) sowie die spezifische Unterstützung durch Therapiebegleittiere in der Physio-, Ergo- und Psychotherapie. Die Therapiebegleittiere wie z.B. der Therapiebegleithund sind häufig Eigentum der Therapeuten und werden von ihrem jeweiligen Besitzer in die therapeutische Arbeit einbezogen.

Die folgenden Ausführungen richten ihren Fokus auf den Einsatz eines einzelnen Therapiebegleittieres. Es sei jedoch darauf hingewiesen, dass die nachstehenden Ausführungen auch auf die Arbeit mit Tiergruppen übertragbar sind.

3.1 Die Funktion des Therapeuten

Bei der tiergestützten Therapie übernimmt der Therapeut die Verantwortung für die Therapiesituation. Er ist dafür verantwortlich sowohl das Befinden des Patienten als auch das des Tieres immer im Auge zu behalten und ggf. in Situationen einzugreifen, die für Patient oder Tier gefährlich werden können. Im Zweifelsfall muss er eine Sitzung zu jeder Zeit abbrechen können.

Während einer Therapiestunde muss der Therapeut das richtige Verhältnis zwischen aktivem Angebot und passivem Abwarten auf die Dinge und Reaktionen, die sich von selbst ergeben, finden. Denn gerade die freie und ungezwungene Begegnung mit dem Tier ist als besonders wertvoll zu betrachten. Der Therapeut darf die Aufmerksamkeit des Tieres nicht zu sehr an sich binden, damit Patient und Tier die Möglichkeit zur Kontaktaufnahme und Kontaktgestaltung haben. Dazu bedarf es in der tiergestützten Therapie geeigneter Tiere, die in der Lage sind, sich auch in Anwesenheit ihrer jeweiligen Besitzer auf eine Begegnung mit dem Patienten einzulassen.

3.2 Das Setting

Die Kontaktarten zwischen Patient und Tier finden auf verschiedenen passiven und aktiven Ebenen statt. Ausgehend von den körperlichen Fähigkeiten des Patienten gehören dazu die visuelle und/oder verbale Kontaktaufnahme, der Körperkontakt (z.B. Streicheln, ruhiges Nebeneinanderliegen), das Spielen und Füttern, das Pflegen (z.B. Bürsten) und Ausführen des Tieres, was z.B. auch von einem Rollstuhl aus möglich ist.

Die Dauer einer Therapiesitzung richtet sich nach dem Befinden von Patient und Tier und umfasst einen Zeitraum von 30 bis 45 Minuten. Ort und Therapiefrequenz werden entsprechend der indizierten Form tiergestützter Therapie durch das Behandlungsteam oder den Therapeuten festgelegt.

4. Eindeutige Signale und nonverbale Kommunikation

Tiergestützte Therapie bedeutet nicht, durch das Einbeziehen von Tieren die Begegnung mit Menschen zu ersetzen. Vielmehr geht es darum, dass die Begegnung der Menschen untereinander bereichert werden kann, da das Tier Gesprächsthemen bietet, die z.B. in keinem Zusammenhang mit Krankheiten, Behinderungen oder psychischen Problemen stehen. "Viele Menschen empfinden es durchaus leichter, sich gegenüber Tieren zu öffnen. Im Dialog mit Menschen haben wir womöglich schnell Angst vor Verpflichtungen, Furcht davor, bestimmten Erwartungen nicht gerecht werden zu können." (Otterstedt 2001, S. 24) Beim Zusammentreffen mit einem Tier steht nicht die Frage im Vordergrund, wie man sich verhalten muss, um ernst genommen und respektiert zu werden. Das Tier ermöglicht durch den Kontakt zum Menschen, dass sich das Gegenüber angenommen fühlt und emotional schneller auf diese Begegnung einlassen kann als im interpersonellen Kontext.

Um mit Tieren in Kontakt zu kommen, brauchen wir uns nicht der verbalen Sprache zu bedienen, da die Kommunikation mit Tieren vordergründig auf der nonverbalen Ebene stattfindet. Damit haben Menschen, die sich aus verschiedenen Gründen nicht der verbalen Sprache bedienen können, trotzdem die Möglichkeit zur Kommunikation mit Tieren.

In dieser Begegnung spiegeln Tiere wider, ob unsere Signale eindeutig sind. Tiere sind in der Lage zu erkennen, ob die verbale Sprache zu den Signalen, die wir nonverbal aussenden, passt. Drückt ein Mensch durch seine Körperhaltung beispielsweise aus "Bleib da, wo Du bist!", wird ein Tier ihn ignorieren, auch wenn der Mensch ihn verbal zu sich ruft.

5. Was kann der Einsatz von Tieren bewirken?

"Für einen wirkungsvollen Kontakt zwischen Mensch und Tier, im Sinne des heilsamen Prozesses, ist nicht die Art des Tieres - und damit auch nicht seine Exotik - entscheidend, vielmehr die Begegnung mit seiner Persönlichkeit, mit dem 'Du'." (Otterstedt 2001, S. 168)

Positive Wirkungen des therapeutischen Mensch-Tier-Kontakts auf physischer und psychischer Ebene sowie in speziellen Wahrnehmungsbereichen der Patienten wurden bisher in den folgenden Bereichen beobachtet und in der Literatur beschrieben:

Im Hinblick auf physische Veränderungen wird z.B. berichtet von:

Auf psychischer Ebene konnten u.a. wiederholt folgende Veränderungen beobachtet werden:

In speziellen Wahrnehmungsbereichen werden wiederholt u.a. folgende Veränderungen beschrieben:

6. Sind spezielle Hygienemaßnahmen zu beachten?

Hygienemaßnahmen sind unabdingbar, um Beeinträchtigungen der menschlichen Gesundheit durch Tierkontakte zu vermeiden.

Die Krankenhaushygiene ist in der Bundesrepublik Deutschland von rechtlicher Seite her durch das Infektionsschutzgesetz (IFSG) geregelt und wird durch die "Richtlinien für Krankenhaushygiene und Infektionsprävention" des Robert-Koch-Institutes (RKI) präzisiert. In einigen Bundesländern sind darüber hinaus noch Krankenhausgesetze bzw. -verordnungen der Länder zu beachten, die in der Regel keine über die bereits genannten bundesweit gültigen Hygieneanforderungen hinausgehenden Maßnahmen enthalten. Nach den Richtlinien des Bundeslandes Bayern (§ 11 der Empfehlung für Hygiene und Infektionsprävention in Pflegeeinrichtungen; EHIP) werden Tiere im Krankenhaus unter definierten Bedingungen nicht als Problem angesehen (vgl. Böttger/Haberl, S.7). "Amtlich vereidigte Hygienegutachter beraten, in welchen Krankenhausbereichen, z.B. neurologische Frührehabilitation, Tiere integriert werden können und informieren über Ergänzungen und Anpassungen des krankenhauseigenen Hygieneplans entsprechend dem Infektionsschutzgesetz" (Böttger/Haberl, S.7).

7. Tiergestützte Therapie in der DRK-Kinderklinik Siegen

Die DRK-Kinderklinik Siegen, die heute als eine der wenigen selbstständigen Kinderkliniken bundesweit zu den größten und leistungsfähigsten Fachkliniken für Kinder- und Jugendmedizin zählt, besteht seit 90 Jahren. Mit dem Ziel, die bestmögliche medizinische und pflegerische Versorgung für die Kinder und Jugendlichen in einem Umkreis von rund 100 km und auch darüber hinaus zu bieten, werden mit 148 Betten jährlich über 6.000 Patienten stationär und mehr als 16.000 Patienten ambulant von den Klinikmitarbeiterinnen und -mitarbeitern (Ärzten, Pflegepersonal und Therapeuten) versorgt.

7.1 Tiergestützte Therapie in der Kinderinsel

Seit der letzten baulichen Erweiterung der DRK-Kinderklinik Siegen 2005 konnte neben dem bestehenden Angebot des heilpädagogischen Voltigierens in verschiedenen Bereichen der "Kinderinsel", einer Intensivstation mit Wohncharakter an der Siegener Kinderklinik, die tiergestützte Therapie etabliert werden. 16 Kinder im Alter zwischen ein bis 16 Jahren leben derzeit in dieser besonderen Einrichtung. Durch die direkte Anbindung an die DRK-Kinderklinik Siegen stehen die Kompetenz und das Know-how aller notwendigen Fachbereiche rund um die Uhr zur Verfügung.

Neben der routinemäßigen und auch notfallmedizinischen Versorgung durch einen Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin und der täglichen Pflege durch examinierte Pflegekräfte werden die Bewohner von einem festen Therapeuten- und Pädagogenteam behandelt. Die examinierte Kinderkrankenschwester Katja Müller, vordergründig in der Pflege der Bewohner tätig, arbeitet aufgrund ihrer Qualifikation (berufsbegleitende Weiterbildung Tiergestützte Pädagogik/Therapie am Institut für soziales Lernen mit Tieren in der Wedemark) derzeit mit neun dauerbeatmeten Kindern im Rahmen der tiergestützten Therapie. Zusammen mit Ihrer Hündin Greta besucht Frau Müller die Inselbewohner, die aufgrund ihrer jeweiligen Beeinträchtigung im Rahmen ihrer Therapie Gelegenheit haben, mit Greta in Kontakt zu kommen, regelmäßig.

Der Therapiebegleithund Greta ermöglicht den "Insulanern", mit einem lebendigen und natürlichen Wesen innerhalb ihrer Insel Kontakt aufzunehmen. So stellt Greta nicht zuletzt eine Brücke zur Außenwelt dar. Eine Brücke, die den Mitarbeitern der Kinderinsel für die Kinder und Jugendlichen wichtig ist.

Fallbeispiele

Anton (Name geändert), ein 8 Jahre alter und dauerbeatmeter Junge und seit August Schulkind, ist z.B. in der Lage, verbal, mimisch und sprachlich zu kommunizieren, sich selbstständig - ob per Rolli oder mit Unterstützung gehend - fortzubewegen. Anton lernte Greta kennen als Greta ein anderes Kind in der Kinderinsel besuchte. Seine erste Reaktion war von der Angst vor Hunden geprägt. Gleichzeitig erwachte aber auch eine Neugier in ihm, so dass Anton die Hündin bei ihren nächsten Besuchen gerne sehen wollte. Sehr schnell etablierte sich das Ritual, dass er Greta zur Begrüßung und zum Abschied streichelte. Nachdem er seine Angst überwunden hatte, begann Anton stolz zu gebärden, dass seine Brüder im Gegensatz zu ihm Angst vor Greta haben. Da ihm zu diesem Zeitpunkt noch keine Gebärde für Hund zur Verfügung stand, verwendete er kurzer Hand erst die Gebärde für Katze und dachte sich dann selbst eine Gebärde für Greta aus. Dieses Zeichen verwendet er auch jetzt noch, obwohl er mittlerweile eine offizielle Gebärde für Hund kennt. Nachdem er keine Angst mehr vor Greta hatte, musste Anton lernen, dass Greta nicht nur zu ihm kommt, sondern auch andere Kinder besucht. Dies zu akzeptieren fiel ihm nicht leicht.

Die Begegnung mit Greta fördert unterschiedliche Bereiche von Antons Motorik und Wahrnehmung. Anton genießt es, Greta zu streicheln und zu füttern. Er wird z.B. aufgefordert zu zeigen, wo Greta ihre Augen hat und wo seine sind oder zu zählen, wie viele Pfoten Greta hat. Seine feinmotorischen Fähigkeiten übt er, wenn er Greta einzelne Leckerchen aus einer Tüte holt und sie ihr gibt. Die Motivation, mit Greta über den Flur zu laufen und einen Ball zu werfen, ist sehr groß. Mit viel Elan hebt Anton den Ball auf und wird zu den verschiedensten Bewegungen angeregt.

Paul (Name geändert), mit 16 Jahren der älteste Bewohner der Kinderinsel, ist in seinen kognitiven und motorischen Fähigkeiten sehr stark eingeschränkt, so dass er nicht in der Lage ist, den Kontakt zu Greta aktiv mit zu gestalten. Paul war der erste Bewohner der Kinderinsel, der Greta kennen lernte und auch für Greta war es der erste Kontakt mit einem beatmeten Patienten. Von Anfang an hatte die Hündin keine Probleme mit den vielen verschiedenen Geräuschen in der Kinderinsel. Auch Rollstühle oder ein auffälliges Gangbild irritieren sie nicht. Um mit Paul in Kontakt zu kommen, wird Greta aufgefordert, sich neben Paul ins Bett zu legen, das vorab mit einem Bettlaken abgedeckt wurde. Zuvor wird Paul in seinem Bett so gelagert, dass beide Hände das Fell von Greta spüren können. Greta hat die Möglichkeit, es sich neben Paul so bequem zu machen wie sie es möchte. Häufig kuschelt sie sich in Pauls Armbeuge. Während des Kuschelns mit Greta kann wiederholt ein entspannter bis aufmerksamer Gesichtsausdruck bei Paul beobachtet werden. Auch Greta ist zeitweise so entspannt, dass sie in Pauls Arm einschläft.

Anna (Name geändert), 6 Jahre alt, ist aufgrund ihrer Vorgeschichte entwicklungsretardiert und entspricht in ihren Fähigkeiten einem sechs bis sieben Monate alten Kind. In Absprache mit dem behandelnden Physiotherapeuten sollte Anna sich bewusster mit ihren Füßen beschäftigen. Da sie mit ihren Händen sehr häufig sehr fest greift, durfte Anna die Hündin Greta zunächst nur mit ihren Füßen kennen lernen. Anfangs zeigte sie keine Eigeninitiative, das Fell der Hündin mit ihren Füßen zu erkunden. Daher führte die Therapeutin Annas Füße durch das Fell des Tiers. Im Verlauf der Therapie zeigte Anna zunehmend mehr Eigeninitiative. Inzwischen "krabbelt" sie mit ihren Füßen durch Gretas Fell und legt ihre Füße auf Gretas Rücken. Auch nimmt sie ihre Füße öfter in ihre Hände. Hin und wieder streichelt Anna mit ihren Händen über das Fell des Hundes. Die Tendenz, (zu) fest zu zugreifen, hat deutlich abgenommen.

7.2. Perspektiven

Neben den derzeit laufenden Angeboten des heilpädagogischen Voltigierens in den Bereichen der Kinder- und Jugendpsychiatrie und -psychosomatik sowie der tiergestützten Therapie in der Kinderinsel soll perspektivisch ein tiergestütztes Projekt mit Kaninchen unter Einbeziehung der anderen Klinikbereiche etabliert werden. Für dieses Angebot finden derzeit die ersten Planungsgespräche statt.

Autorin

Katja Müller, Kinderkrankenschwester an der DRK-Kinderklinik Siegen mit Weiterbildung Tiergestützte Pädagogik/Therapie

Kontakt

Katja Müller Examinierte Kinderkrankenschwester, Tiergestützte Therapie
Kinderinsel an der DRK-Kinderklinik Siegen
Wellersbergstraße 60
57072 Siegen
Abteilung Öffentlichkeitsarbeit
DRK-Kinderklinik Siegen
Wellersbergstraße 60
57072 Siegen
Tel.: 02 71 / 23 45-374
anne.thissen@DRK-kinderklinik.de
http://www.DRK-kinderklinik.de

Literatur

Olbrich, Erhard und Otterstedt, Carola: Menschen brauchen Tiere Stuttgart: Franckh-Kosmos 2003

Otterstedt, Carola: Tiere als therapeutische Begleiter Stuttgart: Franckh-Kosmos 2001

Boettger, Stefanie und Haberl, Roman: Tiergestützte Therapie in der neurologischen Frührehabilitation Konzept Krankenhaus München-Harlaching

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